Seite 1 von 1

Eine kleine Tube Zahnpasta reicht hier nicht aus

Verfasst: Do Jul 30, 2026 10:32 am
von Heisenberg
Als ich ganz frisch in U-Haft ankam, wurde mir eine Kiste mit Utensilien für die erste Zeit im Knast in die Hand gedrückt. Darin befand sich Kleidung – Hose, Hemd, Unterwäsche –, die man tragen durfte, aber nicht musste. In U-Haft gilt keine Pflicht für Anstaltskleidung.

Ebenfalls in der Kiste: ein kleines Hygiene-Set. Ein Rasierer, ein Stück Seife und eine winzige Tube Zahnpasta. In diesem Augenblick verschwendete ich keinen einzigen Gedanken daran, dass diese kleine Zahnpastatube irgendwann einmal leer sein könnte. Ich war gedanklich ganz woanders.

Die Tage vergingen. Damals galt für jeden Neuzugang noch eine fünftägige Corona-Isolation. Als diese rum war und ich endlich zum ersten Mal mit den anderen Inhaftierten zur Freistunde durfte, kam man ins Gespräch. Wir tauschten uns darüber aus, warum wir hier waren und wie brutal dieser schlagartige Wechsel von der Freiheit in die Gefangenschaft ist.

Einer der Leute dort erzählte mir, dass er schon drei Monate hier saß. Ich behielt meine Gedanken für mich, aber innerlich schoss es mir nur durch den Kopf: Boah, wie krass. Drei Monate! Ich redete mir in diesem Moment selbst ein, dass mir so etwas niemals passieren würde. Der arme Teufel, dachte ich noch, fest davon überzeugt, dass ich selbst ganz schnell wieder draußen bin.

Insgesamt verbrachte ich am Ende knapp sechs Monate in der JVA Münster an der Gartenstraße. (und insgesamt 3 Jahre)

So richtig bewusst wurde mir die Realität meiner Lage erst als die kleine Zahnpastatube schließlich leer war und ich nach Ersatz fragte. Der Hausarbeiter drückte mir nämlich keine weitere kleine Probiergröße in die Hand – sondern eine riesige, normale Packung. Mit dem Blick auf die große Tube kapierte ich es schlagartig: Ich würde noch verdammt lange hier sein.